Wie alles begann: Das Gartenbauprojekt in Badacin

Von der absoluten Verwahrlosung hin zur leistungsfähigen Selbstversorgereinrichtung

Am 1. September 1990 wurde das erste Rumanienprojekt "Badacin" vom Evangelischen Dekanat Bad Schwalbach gestartet. Ausgelöst wurde das Vorhaben durch die entsetzliche Situation behinderter Kinder in Badacin, die Pfarrer Hanns-Ulrich Becker bei  seiner ersten Rumänienreise vorfand. Von Anfang an unterstützte der in Rumänien geborene Bad Schwalbacher Arzt Dr. Marcel Blonder das Projekt äußerst hilfreich.

Ein Jahr nach dem Umsturz in Rumänien nahm Becker in einem Heim für 118 behinderte Kinder und Jugendliche, unmenschlichen Zustände in Augenschein. Das in einem ehemaligen Gutshaus äußerst beengt untergebrachte Heim im Nordwesten des Landes, am Rande des kleinen Bauerndorfs Badacin, etwa 4 km von der Kleinstadt Simleu Silvanei entfernt, war in dieser Zeit typisch für viele weitere ähnliche Einrichtungen mit insgesamt etwa 140.000 Kindern und Jugendlichen.
Nach ersten Hilfstransporten und dringenden Reparaturen durch Freiwillige, wurden in den folgenden Jahren, dank vieler Geldspenden fünf Holzhäuser rumänischer Bauart errichtet, in die 1996 je 25 Kinder bzw. Jugendliche einzogen. 
Daneben gibt es eine Küche, eine Wäscherei, einen Webstuhl, die Tischlerei und Viehhaltung.

Kinder aßen aus Mangel Gras
Im Jahr 1996 erfolgte der Beginn eines "Gartenbauprojekts". Grund dafür war einmal die Notwendigkeit die völlig unzureichende und einseitige Ernährung der Kinder und Jugendlichen im Badaciner Heim aufzubessern. Sie hatten aus Mangel an Frischem bis dahin sogar Gras gegessen. Zum anderen existierten auf dem Gelände des Heims bereits zwei kleine Glasgewächshäuser. Eines davon stammte aus dem Rheingau, wo eine Gärtnerei aufgegeben hatte. Nach dessen Reparatur wurde mit dem ersten Anbau von Gemüse begonnen. Unter fachlicher Leitung des Rüdesheimer Ehepaars Ingrid und W.- U.von Hentig (die seitdem wenn möglich jährlich vor Ort sind) erfolgte die Schulung einiger der damals etwa 60 erwachsenen Hilfskräfte sowie von 10 arbeitsfähigen Jugendlichen in gärtnerischen Tätigkeiten, wie Aussäen, Pikieren, Topfen, Vorbereiten der Beete, Auspflanzen, Pflege- und Erntearbeiten usw.

Leistungsfähige Gemüsegärtnerei

Im Laufe von 10 Jahren entstand so eine leistungsfähige Gemüsegärtnerei, die derzeit (2012) jährlich von etwa 20 Gemüsearten bis zu 8000 kg Erntegut produziert. Damit kann praktisch der Frischgemüsebedarf der heute 125 behinderten Jugendlichen und 65 Mitarbeiter abgedeckt werden. Lediglich Kartoffeln und Kohl müssen noch zugekauft werden.

Die Gärtnerei verfügt heute über 5 jeweils 240 m2 große Folientunnel. Die geschützte Anbaufläche einschließlich der beiden genannten Glasgewächshäuser beträgt insgesamt 1400 m2. Dazu wird noch auf etwa 3000 m2 Freilandflächen angebaut. 

Vier erwachsene Mitarbeiter und bis zu 20 Jugendliche (größtenteils inzwischen auch erwachsen) pflegen z.T. selbstverantwortlich die Kulturen. Über die Produktion des so notwendigen Frischgemüses hinaus entstanden Arbeits- und Ausbildungsplätze, dient die Gärtnerei der Therapie und erlangte in der Region und darüber hinaus einen Beispielsstatus. 
(Stand Ende 2012)

...wie ging es dann weiter?

Die Produktion von Frischgemüse lief auch in den letzten fünf Jahren fast problemlos weiter. Die Hilfestellung von deutscher Seite konnte sich dabei mehr und mehr auf die Beratung und die Beschaffung notwendigen Saatguts sowie von Geräten, Kleinmaschinen und Reparaturmaterial beschränken. Dabei handelte es sich um jetzt auch in Rumänien erhältliche Posten, jedoch meist mit für unsere Partner unerschwinglichen Kosten. Hier half dann die "Rumänienhilfe des Dekanats" mit Spendenmitteln.

Im Mai 2016 ereilte die Region um Badacin ein schweres Unwetter begleitet von Hagelschlag mit z.T. Tischtennisball großen Hagelkörnern. Beide Glasgewächshäuser wurden schwer beschädigt, während die Folientunnel mit vielen Kratzern aber keinen Lochschäden davon kamen. Hier hatte ein gleichzeitiger Starkwind dazu beigetragen, dass die Hagelkörner schräg auf die Folienflächen auftrafen. Es bewährte sich, dass bei der Beschaffung eine sehr stabile allerdings auch teure französische Folie vorgezogen worden war. Das kleine Glasgewächshaus, das für die Anzucht von Jungpflanzen unentbehrlich ist, konnte schnell repariert werden. Für das Größere steht die Wiederherstellung noch aus.

Ein wesentliches Ereignis für das Heim war die Eröffnung einer zweiten Wohneinheit in Nusfalau, etwa 10 km westlich von Badacin. Es handelt sich um ein mehrstöckiges in gutem Zustand befindliches Gebäude, das vom rumänischen Staat angekauft und der Leitung von Badacin unterstellt wurde. Es konnte eine Anzahl inzwischen selbständiger junger Bewohner des Heims in Badacin unter der Devise "Beschütztes Wohnen" einziehen. Damit war die inzwischen dort eingetretene Raumnot vorerst beseitigt. Auf eigene Initiative wurde auf dem außer Rasenflächen zur Verfügung stehenden Freigelände nach dem Vorbild von Badacin mit dem Anbau von Frischgemüse begonnen. Eine notwendige Voranzucht von Jungpflanzen übernimmt weiter die Gärtnerei in Badacin. Auch der Aufbau von ein oder zwei Folientunnels wird überlegt. Man hofft dabei auf Hilfe von außen, z.B. die Rumänienhilfe des Dekanats.

Verbesserte Lebensqualität

Zunehmend war in den letzten Jahren immer wieder die mangelnde Freizeitgestaltung ein Thema. Bereits bei allen Besuchen war aufgefallen, dass die Bewohner des Heims nach Feierabend nicht viel mit sich anfangen konnten. Dazu waren auch die Möglichkeiten zu gering. Zwar existierte ein Raum mit TV-Apparat, waren mehrere Radiogeräte vorhanden, konnten Handarbeiten unter Anleitung stattfinden, gab es Dank der Spende einer Bad Schwalbacher Schulklasse auch schon einen eingerichteten Raum für Tischtennis. Doch das alles reichte bei weitem nicht aus! So reifte der Gedanke außer für Arbeit, Ausbildung und Gesundheit durch das selbst produzierte Frischgemüse auch für mehr Abwechslung während der Freizeit etwas zu tun, mit anderen Worten die Lebensqualität allgemein zu verbessern. Da kam die Idee gerade recht, anlässlich eines privaten runden Geburtstags im April 2016 statt Geschenken um Spenden für den speziellen Zweck "Freizeit" zu bitten. Diese bis dahin einmalige Aktion erbrachte mehr als 1.500,-EUR. Dafür wurden dann für beide Heime in großer Übereinstimmung mit den rumänischen Partnern zwei große Trampoline, zwei selbst zusammen setzbare Hollywoodschaukeln sowie Zubehör zu Basketball, Volleyball und Ergänzungen zur Tischtennisanlage gekauft. Die Freizeit ist seitdem vielseitiger und die Freude an den genannten Sport-und Spielgeräten groß. Wir lernten daraus, dass besonders ein langfristiges Hilfsprojekt außer dem Materiellen auch zur allgemeinen Steigerung der Lebensqualität beitragen kann, also wenn irgend möglich die menschliche Zuwendung nicht vergessen darf.

(Stand Januar 2018)

Badacin während der Pandemie

„Corona“ hat auch in Badacin seine Spuren hinterlassen, jedoch hatten fast alle Menschen, die sich mit dem Virus infiziert hatten, nur leichte Symptome, schreibt Peter Illyes, der als Gärtner im Gartenbauprojekt des Kinderheims arbeitet.

In zwei Folientunneln konnte Ende des Jahres Spinat gesät werden, der ziemlich gute Fortschritte mache, berichtet Illyes, der selbst an Corona erkrankte und deshalb die Pflege der Kulturen zeitweise nicht begleiten konnte. Vor allem den Garten hat er während der Quarantänezeit sehr vermisst.

Alles sei deshalb später gesät worden als üblich. "Aber wir hatten schon deutlich schlimmere Zeiten", sagt er dankbar. Dennoch sei die Zeit, gerade für die Bewohner recht schwierig, da sie kaum ihre Häuser verlassen könnten. Noch warte man auf eine Lieferung Frühlingszwiebeln. Mangold und andere Saaten seien reichlich vorhanden, schreibt er dem Ehepaar von Hentig Anfang Dezember.

Bereits im Frühjahr 2020 wurde ein Folientunnel erneuert und erweitert. In vier Tunneln werden Tomaten gezogen, in einem anderen Gurken. Ferner werden Zwiebeln, Bohnen, Salat, Zucchini und Kürbis angepflanzt. 

(Stand Dezember 2020)

2018: Hessicher Verdienstorden für das Ehepaar von Hentig

Staatssekretär Metz zeichnet „tolle Lebensleistung“ aus

[Rüdesheim / Taunusstein; 12.2.2018; Hendrik Jung] Staatssekretär Thomas Metz hat in einer Feierstunde im Haus der Kirche und Diakonie dem Rüdesheimer Ehepaar Prof. Dr. Wolf-Uwe von Hentig und seiner Frau Ingrid den hessischen Verdienstorden am Bande verliehen. Seit Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt verantworten Ingrid und Uwe von Hentig das Gartenbauprojekt des Evangelischen Dekanats Bad Schwalbach (jetzt Rheingau-Taunus) in Badacin/ Rumänien.

Gemeinsame Lebensleistung gewürdigt

„Es ist außergewöhnlich, dass ich den Verdienstorden an ein Ehepaar überreichen darf. Es ist ihre gemeinsame Lebensleistung, die damit gewürdigt wird“, verdeutlicht Staatssekretär Thomas Metz, der die beiden Orden in Vertretung des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier überreicht. In seiner Laudatio würdigt er zum einen die Verdienste Professor von Hentigs um den Zierpflanzenbau, nicht zuletzt als Leiter dieses Fachbereichs an der damaligen Forschungsanstalt Geisenheim zwischen 1967 und 1993. Thomas Metz hebt aber auch die Tatkraft, den Mut und die Neugier von Ingrid von Hentig heraus, deren Aufenthalt als Au-Pair Mädchen in London im Jahr 1954 etwas Außergewöhnliches gewesen sei. Die ausgebildete landwirtschaftlich-technische Assistentin mit dem Fachgebiet Gartenbau ist aber auch in der evangelischen Kirche ehrenamtlich aktiv gewesen. Im Kirchenvorstand der Gemeinde in Rüdesheim genauso wie in der Dekanatssynode sowie im Dekanatssynodalvorstand des ehemaligen Dekanats Bad Schwalbach. 

Ihre Auszeichnungen erhalten die Eltern dreier erwachsener Söhne jedoch vor allem als Würdigung ihres langjährigen Engagements für ein Gartenbauprojekt in einem Heim für beeinträchtigte Kinder und Jugendliche im rumänischen Badacin. Für diese Leistung sind sie jedenfalls vom Evangelischen Dekanat Rheingau-Taunus für den Verdienstorden vorgeschlagen worden. Seit mehr als zwanzig Jahren ermächtigt das Ehepaar mit seinem Sachverstand erwachsene Mitarbeiter aber auch beeinträchtigte Jugendliche zur Selbsthilfe, weil diese durch die erlernten Techniken des Gartenbaus und das zur Verfügung gestellte Material den Bedarf an Frischgemüse für gut 120 Jugendliche sowie etwa halb so viele Erwachsene fast gänzlich selbst sicher stellen können. Aber auch die aktive Betätigung der Kinder und Jugendlichen in der Freizeit ist vor drei Jahren gefördert worden, so dass sie jetzt etwa Trampolin, Tischtennis-Platte oder Basketball-Körbe nutzen können. 

„Wunder von Badacin“

Damit hat das Ehepaar von Hentig seit Mitte der 90-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zentrale Bereiche eines Hilfsprojekts voran gebracht, das bereits 1990 durch Pfarrer Hanns-Ulrich Becker für das Evangelische Dekanat Bad Schwalbach ins Leben gerufen worden ist. „Eine rumänische Zeitung hat es mal das Wunder von Badacin genannt. Es ist Ihnen zu verdanken, dass es ein Wunder geblieben ist“, betont Pfarrer Hanns-Ulrich Becker in seinem Grußwort. Denn was einmal ein „Haus des Schreckens“ gewesen sei, sei mittlerweile ein Ort, in dem Kinder und Jugendliche unter menschenwürdigen Bedingungen leben könnten. „Wo Sie gepflanzt haben, im übertragenen und im direkten Sinn, haben Sie die Welt zum Wachsen und Blühen gebracht“, drückt es die Landtagsabgeordnete Petra Müller-Klepper aus. Insgesamt 16 Begegnungen, zwölf vor Ort und vier in Deutschland, haben Vertrauen und Freundschaft zwischen dem Ehepaar und seinen rumänischen Partnerinnen und Partnern wachsen lassen. 

Doch ein Projekt dieser Größenordnung ist nicht zu zweit zu stemmen. „Die Auszeichnung ist ganz gewiss auch eine Würdigung all der Menschen, die Sie bei dem Gartenbauprojekt unterstützt haben“, erläutert Dekan Klaus Schmid. Um vor allem den Mitstreiterinnen und Mitstreitern aus dem Evangelischen Dekanat die Möglichkeit zu geben, an der Verleihung der Verdienstorden Teil zu nehmen, hat sich das Ehepaar dafür entschieden, die Auszeichnung in dessen Räumen und nicht in der hessischen Staatskanzlei in Wiesbaden entgegen zu nehmen. Doch die Liste derer, denen Wolf-Uwe von Hentig Dank sagt, geht weit darüber hinaus. Sie reicht von Pfarrer Becker als Vater des Unternehmens über die einstige Forschungsanstalt Geisenheim, die das Projekt mit kostenlosen Analysen von Boden, Wasser und Pflanzen unterstützt hat, bis zur bayrischen Hofgemeinschaft Hohenroth, wo rumänische Gäste geschult werden konnten. „Vor allem aber möchte ich Dir danken, denn Du warst es, die das Projekt angestoßen hat“, wendet sich der 89-jährige an seine Ehefrau Ingrid. 

Die 82-jährige möchte vor allem die Freude in den Vordergrund stellen, die die fruchtbare Arbeit gemacht habe. Doch hat es in all den Jahren auch viele Mühen gegeben, weshalb Professor von Hentig zur Zeit dabei ist, einen ehemaligen Studenten, der nun in Ruhestand geht, dafür zu werben, in Zukunft die Beratung vor Ort zu übernehmen. Sicher ist aber, dass das Ehepaar von Hentig sich auch von hier aus weiterhin dafür einsetzen wird, dass ihr Projekt weiter gedeiht.